Höxter ist Station am neuen Jakobsweg von der Elbe zum Rhein
Eine neue Route des Jakobsweges von Magdeburg nach Köln berührt auch Höxter und Umgebung
Im Mittelalter führten Wege der Jakobspilger aus dem Norden und Osten Europas über Magdburg nach Köln am Rhein. In einer Linie von Ost nach West verband dieser Pilgerweg die alten Handelsstädte Magdeburg, Goslar, Höxter, Paderborn und Attendorn mit Köln und Bonn. Funde von Pilgermuscheln und anderen Pilgerzeichen in Magdeburg sowie Jakobskirchen und –kapellen in anderen Städten längs des Weges belegen, dass sie einst wichtige Etappenorte für die Jakobspilger waren.
Die neue Pilgerroute folgt den alten Reiserouten der Deutschen Kaiser von ihren Pfalzen in Sachsen zu den Herrschaftszentren am Rhein, teilweise waren auch Handels- und Kaufmannsrouten wie zum Beispiel dem Hellweg oder der Heidenstraße im Sauerland.
Wenn die Pilger die Pfalzstädte Goslar, Gandersheim und die Hanse- und Bierbrauerstadt Einbeck hinter sich gelassen hatten, kamen sie durch das ausgedehnte Waldgebirge des Solling, dem noch heute das zweitgrößten Waldgebiet Norddeutschlands, zur Weser nach Höxter. Der Weserübergang bei Höxter war eine bedeutsame Wegmarke für die aus dem Norden und Osten kommenden Jakobspilger, denn hier überquerte die alte Handelsstraße des Hellwegs den ostwestfälischen Grenzfluss. Dabei hatte für die Pilger Kloster Corvey eine besondere Anziehungskraft, und das lag an zwei Dingen: Erstens gab es hier Unterkunft, Verpflegung und ein Hospital, in dem sich Kranke wieder gesund pflegen lassen konnten. Zum anderen war Corvey ein heiliger Ort, weil es kostbare Reliquien des hl. Stephanus und des hl. Veit besaß, die viele Pilger anzogen. Die Reliquien des Erzmärtyrers Stephanus wurden von Ludwig dem Frommen aus seiner Privatkapelle in Paris gestiftet; die Reliquien des Heiligen Vitus überführte man 836 aus der Grabeskirche der französischen Könige in St. Denis bei Paris nach Corvey. Besonders dieser Heilige machte Corvey zu einem bedeutenden Wallfahrtsort, der viele Pilger anzog. Nach ihm wurden zahlreiche Veits-Kirchen in Süd- und Südosteuropa benannt.
Diee Gründung des Klosters Corvey reicht bis in die karolingische Zeit zurück. Ludwig der Fromme erwarb 822 die Weseraue und schenkt diesen Besitz den Mönchen. 826 ist das Kloster selbständig und wird nach seinem Mutterkloster Corbie (lat. Corbeia) „Nova Corbeia“ (das neue Corbie) benannt. Daraus entsteht später der Name Corvey. Das Kloster entwickelt sich schnell zum Mittelpunkt der nordischen Mission und erfährt bis zum 11 Jh. eine große Blüte. 844 wird die Abteikirche zu Ehren des hl. Stephanus geweiht. Ihr karolingisches Westwerk ist ein Bau von beeindruckender weithin sichtbarer Monumentalität, der als ältester erhaltener Sakralbau Norddeutschlands gilt. Im Kloster kehrten aber nicht nur Pilger ein; im Obergeschoss über der Krypta gab es eine Empore für die Kaiser; die im frühen Mittelalter hier häufig als Gäste weilten.
Im nahen Höxter könnten Jakobspilger in dem am Fluss gelegenen Minoritenkloster aufgenommen worden sein, denn Bettelorden waren besonders mildtätig und haben sich auch der Pilger angenommen. Auch gab es in der einstigen Hansestadt ein Hospital. Im 12. Jh. entwickelt sich der Ort, der Stadtrechte, Wälle und Festungsanlagen erhält, zu einem bedeutsamen Marktort. Sein früher Beitritt zur Hanse bringt ihm Reichtum und Wohlstand, der noch heute im Stadtbild ablesbar ist. Von der Flussseite her dominiert die Doppelturmfront der St. Kilianskirche mit ihren ungleich großen Helmen, welche die Pilger schon von weitem zur Orientierung benutzten.
Mit seinem einmaligen Bestand an denkmalgeschützten Fachwerkhäusern gehört Höxter heute in der Architektur zu den Schatzkammern ersten Ranges der deutschen Kunst. Ein Bummel durch die Stadt vorbei am „Roten Turm“ zu den Wallpromenaden mit Resten der alten gut erhaltenen Stadtbefestigung verzaubert jeden Besucher und versetzt ihn zurück in eine mittelalterliche Welt, die immer auch eine Welt der Jakobspilger war. Heute machen sich wieder Menschen in ganz Europa auf den Weg, um auf alten Wegen ihr eigenes Land neu zu erleben und dabei Körper, Seele und Geist wieder in Einklang zu bringen. In diesem Ambiente fällt es besonders leicht, sich vorzustellen, wie sehr einst das Straßenbild der deutschen Städte von den durchziehenden Jakobspilgern geprägt worden ist, so wie es heute in Spanien in vielen Städten längs des Jakobsweges wieder der Fall ist.
Früher war das Jakobusgrab am Ende des Weges das Ziel der Pilger; heute sagen viele nach ihrer Ankunft, dass der Weg das eigentliche Ziel sei, weil sie sich dort verändert und neue Einsichten gewonnen haben. Nicht jeder kann aber ganzen Santiago-Weg gehen. Der deutsche Wegabschnitt durch Westfalen könnte da eine Alternative sein. Wie heißt doch das alte Sprichwort : Der Weg ist das Ziel
Walter Töpner, Wege der Jakobspilger (Band 1) - Magdeburger Börde, Harz, Solling, Sauerland, Rheinland. Paulinus Verlag, Maximineracht 11c; 54295 Trier, ISBN 3-7902-1316-0, € 19,90
